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Heilpflanzen und ihre Kräfte

Ein Ratgeber für Fragen der Gesundheitsmedizin auf natürlicher Basis

Mensch und Pflanze - Die Heilpflanze in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Hier setzen sich Mediziner, Pharmazeuten, Botaniker, Chemiker und Herbalisten mit den Kräften und Wirkungen von Heilpflanzen auseinander. Sie informieren den Leser über die Geschichte der Heilpflanzenkunde, über die Wirkungen und Venvendungsformen von Heilpflanzen. Dazu gehört auch die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise, mit der Dr. Daems als Apotheker und Naturphilosoph dieses Buch abschließt. Ergeht davon aus, dass Mensch und Pflanze als Wesenseinheit in einem ganzheitlichen System verstanden werden müssen und stützt sich dabei auf die anthroposophischen Anschauungen und Lehren von Rudolf Steiner, der sagte: «.Es ist der Grundirrtum der modernen Wissenschaft, dass sie die Wahrnehmung der Sinne schon für etwas Abgeschlossenes, Fertiges ansieht. Deshalb stellt sie sich die Aufgabe, dies in sich vollendete Sein einfach zu photographieren». Der Verfasser stellt in seinem Beitrag vor allem die Wirkung der Gesamtdroge gegenüber der in der Universitätspharmazie üblichen Betrachtungsweise von den Einzelwirkstoffen in den Vordergrund.

Die Rolle der Geisteswissenschaft darf jedoch nicht im Sinne einer Opposition zur Naturwissenschaft gedeutet werden. Sie versteht sich vielmehr als eine Ergänzung und Erweiterung derselben: «Die Naturwissenschaft hat schon recht mit dem, was sie sagt; sie hat aber unrecht mit dem, was sie verschweigt» (Carl Friedrich von Weizsäcker).

In diesem Sinne versucht dieses Buch zu einer ganzheitlichen Anschauung zu gelangen und die Wege aufzuzeigen, die verschiedene Denkansätze in der Zukunft zusammenführen könnten.

Medikamentenherstellung

Die Biochemie hat ihre Forschungsmethoden nahezu perfektioniert. Für die Medikamentenherstellung werden die Pflanzen-Wirkstoffe isoliert, analysiert und definiert. Der englische Naturwissenschafter und Staatsmann Francis Bacon hat schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts das naturwissenschaftliche Forschungsprinzip formuliert, als er sagte: «Wissen ist Macht, man muss die Natur zerschneiden, um sie kennenzulernen.»

Chelidonin, ein Alkaloid, ist der krampflösende Wirkstoff des Schöllkrautes.

Chelidonin, ein Alkaloid

Heilkräuterbuch

Die Abbildung aus einem englischen Heilkräuterbuch des 13. Jahrhunderts zeigt das Eisenkraut (Verbena). Die Heilpflanze wird in typisierender Weise in ihrer Gesamterscheinung wiedergegeben. Jeder Pflanzenteil ist ein nicht wegdenkbarer Teil vom Gesamtpflanzen-Wesen, ist Teil auch vom Bauplan der Pflanze und ihrer Idee.


Die Beobachtung durch das Mikroskop lehrt nur Vorgänge kennen, die im Kleinen das sind, was das unbewaffnete Auge im Großen sieht.
Rudolf Steiner


Für fruchtbar halten wir eine Betrachtung über Heilpflanzen nur dann, wenn im Hintergrund die Beziehung Mensch/Heilpflanze steht. Denn erst durch diese Beziehung kann eine Pflanze - jede Pflanze? -zur Heilpflanze werden.

Heilkräuterbuch - KamillenZunächst einige Grundfragen; sie werden merkwürdigerweise fast nie gestellt: Woher wissen wir, wenn wir von Arnika, Tollkirsche, Kamille usw. sprechen, dass wir es mit Heilpflanzen zu tun haben? Da hilft eine erstaunt gegebene Antwort nicht -«das weiß man doch!», denn woher wissen wir es? Geisteswissenschaftliche Betrachtung zeigt, dass das Bild der Urpflanze, aus der im Sinne Goethes jede existentielle Pflanze abgeleitet werden kann, so durch jede substantielle Pflanze hindurchscheint, dass wir sie als Pflanze wiedererkennen.

Und zweitens: Was ist die Arnika, die Kamille usw.? Versucht man, eine bestimmte Pflanze so zu beschreiben, dass auch ein Mensch, der diese Pflanze nie gesehen hat, davon die richtige Vorstellung bekommt, merkt man, dass dies unmöglich ist. Sämtliche Details des beschriebenen Objektes (wie Form, Farbe, Geruch, Geschmack, die Details an Blüten und Blättern usw.) mögen noch so richtig sein, geben insgesamt jedoch nicht mehr als das Bild der Zeitgestalt, die Darstellung der Pflanze in einem sehr bestimmten Abschnitt ihres Lebens, eine Momentaufnahme gewissermaßen. Aber auch der Keim ist Arnika, Kamille usw., ja die ganze Pflanze ist sogar potentiell darin enthalten; die junge, gekeimte Pflanze, die blühende, die welkende, die fruchtende - alle gehören zum beschriebenen Objekt. Kurz: die Arnika, die Kamille usw. existiert nur als Idee. Und diese Idee umfasst sämtliche Arnikas der ganzen Welt, vom Schöpfungsmoment an bis zum heutigen Tag und in der Zukunft. Es ist nur die Arnika-Geistwesenheit, die dafür sorgt, dass immer wieder Arnikas in Erscheinung treten.

Heilkräuterbuch - ArnikaVom Schöpfungsmoment an muss die Kamille - um bei ihr zu bleiben - eine Pflanze mit den hervorragenden, krampflösenden Eigenschaften, wie wir sie von ihr kennen, gewesen sein. Die moderne Heilpflanzenkunde glaubt die Stoffe in der Kamille zu kennen, die für die krampflösende Wirkung verantwortlich sind. Zuerst wurde das sogenannte Blauöl (Chamazulen) gefunden, dann die Bisabolole, schließlich die En-yn-dicycloäther; an sich bewundernswerte Analyse-Ergebnisse. Es ist eine wissenschaftliche Forderung, solche Wirkstoffe und deren Wirkungsmechanismus kennenzulernen. Alleinseligmachend sind solche Kenntnisse indes nicht, denn der Wirkstoff ist nur ein Teilaspekt des Wesens der Heilpflanze.

Nun sind die Menschen der Vergangenheit - wir rechnen dabei global mit einigen tausend Jahren -, die diese Wirkstoffkenntnisse natürlich nicht hatten, entweder durch Erfahrung klug geworden, haben also bemerkt, dass mit Kamillenzubereitungen Krämpfe sich lösen, oder sie verfügten - eingebettet wie sie damals in der Natur lebten - über eine erstaunliche Begabung, die sie mit Sicherheit eine Pflanze als heilkräftig für ihre Übel und Beschwerden erkennen ließ.

Wir können hier nur in ganz groben Zügen die Hauptlinie der Entwicklung der Heilpflanzenkunde verfolgen. Schon zur Zeit der Hochblüte der griechischen Medizin finden sich viele wissenschaftlich-rationale Ansätze in der Heilpflanzenbetrachtung, die an die Stelle der rein intuitiven Verhaltensweisen getreten waren. Polybos, der Schwiegersohn des berühmten griechischen Arztes Hippokrates (460-377 v. Chr.) entwickelte die Zweisäftelehre seines Lehrers zu einer auf der Vierelementen-Anschauung basierenden Viersäftelehre (= Humoralphysiologie; humor = Saft): gelbe Galle = cholé, schwarze Galle = melanos cholé, Blut = sanguis, Schleim = phlegma. Vier konstituierende Körpersäfte, deren gleichmäßige Mischung (= krasis) für die «Hippokratiker» Gesundheit (= Eu-krasie) bedeutete. Ist dieses Gleichgewicht in irgendeiner Richtung gestört, so entsteht die Krankheit (= Dyskrasie). Den außer Rand und Band geratenen Saft - die materia pecans = «schuldige Materie» - galt es auszutreiben; dies geschah durch allerhand Evakuations-Maßnahmen wie Purgieren, Erbrechen, Aderlassen, Schröpfen, Schwitzen usw. Zu den vier göttlichen Wurzeln (rhizomata): Erde, Wasser, Luft und Feuer des Empedokles von Agrigent (5. Jh. v.Chr.) - erst Plato nannte sie Elemente (stoicheia) - waren indessen die Sekundärqualitäten kalt, warm, trocken und feucht hinzugekommen. Es war der große griechische Arzt Galenos (130-201), der bestimmte Gesetzmäßigkeiten auf dem Gebiet des seelischen Verhaltens der Menschen aus der Viersäftelehre ableitete. Ein ausgeglichenes seelisches Verhalten nannte er das temperamentum: die einzelnen dominierenden Veranlagungen führten zu den Begriffen Melancholiker, Phlegmatiker, Sanguiniker und Choleriker. Aber auch - und dies war ein «großer Wurf» - die Qualitäten der Arznei- und Nahrungsmittelrohstoffe schmiedete Galenos auf Basis des Viererschemas zu einer Gradenlehre. Ein Rohstoff - so sagte er - hat immer zwei Sekundärqualitäten: die mineralische, pflanzliche oder tierische Substanz ist entweder kalt oder warm, feucht oder trocken, und zwar im ersten, zweiten, dritten oder vierten Grade. So war für ihn z.B. Pfeffer heiß und trocken im vierten Grade, eben eine «hochfeurige» Substanz. Die Rose dagegen empfand er als kalt im ersten Grade und trocken im zweiten. Dieses System unterlag in der Periode der islamischen Medizin auf echt arabistische, d.h. abstrakt-intellektualistische Weise einer überspitzten Schematisierung in dem Sinn, dass Ibn al-Jazzar († um 1009) jeden galenischen Grad nochmals dreiteilte: jeder Grad - so sagte er -hat Anfang, Mitte und Ende: Teufelszwirn (Cuscuta) ist heiß im ersten Grad, trocken am Ende des zweiten; Epfich (Apium) ist heiß im Anfang des dritten, trocken in der Mitte desselben Grades. Wer es nachrechnen kann, kommt auf die Zahl 576 für die Möglichkeiten, die Qualität auszudrücken. dass ein solches computistisches System zur raschen Dekadenz verurteilt war, lässt sich leicht verstehen.


Holzschnitt-Illustrationen Holzschnitt-Illustrationen Holzschnitt-Illustrationen
Holzschnitt-Illustrationen Holzschnitt-Illustrationen Holzschnitt-Illustrationen

Holzschnitt-Illustrationen aus dem herrlichen Werk des Thomas Pancovius «Herbarium oder Kräuter- und Gewächsbuch», 1673. Von links nach rechts: Küchenschelle, Pulsatilla; Erdrauch, Fumaria; Eisenkraut, Verbena; Süßholz, Glycyrrhiza; Geißraute, Galega: Alant, lnula helenium.

Über die Anfänge der Pflanzenkunde im europäischen Kulturkreis können nur Hypothesen aufgestellt werden. Beginnen wir lieber dort, wo Dokumente, also «beweisende Urkunden» vorliegen. Wenn auch in ägyptischen Papyri von Heilpflanzen die Rede ist, so ist doch die «Naturgeschichte der Gewächse» ( Peri phytikon historion; Historia plantarum ) des Theophrastos von Eresos (ca. 372-287 v. Chr.) das erste erhaltene, geschlossene Werk über Pflanzen. Sicher, Theophrasts Lehrer, Aristoteles (384-322 v.Chr.) hatte bereits botanische Studien geschrieben, von denen jedoch der größte Teil verloren ging. Theophrast ging in seinem Werk vorwiegend morphologisch-biologisch vor und beschrieb vor allem die Konstitution der Pflanzen sowie deren Unterscheidungsmerkmale. Im Hinblick auf die nachfolgenden Ausführungen über die dreigliedrigen Beziehungen von Pflanze und Mensch ist interessant, dass nach Aristoteles die Pflanze mit ihrem Kopf (Wurzel) im Boden verankert ist, ihre Extremitäten in die Luft streckt und in der Nähe der Enden dieser Extremitäten die Fortpflanzungsorgane (Blüten) trägt. Theophrast lehnte diese Ansicht seines Lehrers ab.

Humoralphysiologisches Viererschema des Galen

Humoralphysiologisches Viererschema des Galen (1. Jahrhundert nach Christus). Es basiert auf der Viersäftelehre, die von Polybos, dem Schwiegersohn des berühmten griechischen Arztes Hippokrates (460-377 v.Chr.), entwickelt wurde.

Das erste vollständig überlieferte Werk über Heilpflanzen stammt vom griechischen, in Rom als Militärarzt tätigen Pedanios Dioskurides (1· Jh. n.Chr.). Seine berühmte «Arzneikunde» ( De materia medica ) beschreibt in fünf Abteilungen etwa 1000 Heilmittel, davon ca. 600 pflanzlicher Herkunft. Die Aufschlüsselung sämtlicher Krankheitsindikationen zeigt, dass der weitaus größte Teil der Anwendungen mittels Wurzelpräparaten empfohlen wird. Hier zeigt sich ein bis jetzt kaum erkannter Zusammenhang: mit Wurzelzubereitungen wird das Sinnes-Nervensystcm des Menschen angesprochen! Es ist kein Zufall, dass die «Heilpflanzenforscher» der Antike rhizotomoi ( rhiza = Wurzel, temnein = schneiden), eigentlich «Wurzelschneider», «Wurzelgräber» genannt wurden; ihre Bücher waren keine «Kräuter-» sondern «Wurzelbücher», rhizotomika . Ein wichtiger Aspekt, denn er hat mit der Entwicklung des menschlichen Denkens zu tun, ein Prozess ferner, der nur über die dreigliedrigen Beziehungen (Rudolf Steiner) zu verstehen ist.

Apollo Hippokrates

In vielen Religionen rund um den Globus finden sich Vorstellungen von Göttern und göttlichen Wesen als Erfinder, Beschützer oder Lehrer der Heilkunst. Die Griechen verehrten den Sohn des Apollo, Aesculapius, als den Gott der Heilkraft und Heilkunst.

Der große griechische Arzt Hippokrates wird oft als der eigentliche Vater der Heilkunde genannt. Die hippokratischen Schriften übten bis ins 19. Jahrhundert einen kaum zu ermessenden Einfluss auf die Medizin aus.

Dioskurides' Werk blieb für viele Jahrhunderte die führende Arzneimittellehre. Als ältester Zeuge in der Überlieferungskette gilt die im Jahre 512/13 für die Prinzessin Anicia Juliana, Tochter des Flavius Anicius Onybrius, in Byzanz geschaffene griechische, prachtvoll illustrierte Handschrift. Dieser «Wiener Dioskurides» ist eminent wichtig, weil er neben dem eigentlichen Dioskorides auch Texte und Abbildungen enthält, die auf den Rhizotomen Krateuas (1. Jh. v. Chr.!) zurückgehen.

In der Periode der islamischen Medizin entstanden mehrere Werke über Heilpflanzen, die hauptsächlich auf Dioskurides basieren. Besonders hervorzuheben ist die Arzneikunde im «Kitab al-Hawi», ein in lateinischer Übersetzung als « Liber continens » (= das alles umfassende Buch) bekannt gewordene Werk des «schöpferischen Genies der mittelalterlichen Arzneien» (August Müller): Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya ar Razi, latinisiert Rhazes, <der Mann aus Raiy> genannt. Er lebte von ca. 865 bis 925. Rhazes war Perser, wie auch der zweite berühmte islamische Arzt, Avicenna (980-1037); sie gehörten zu den größten Gelehrten der islamischen Welt. Rhazes war äußerst kritisch eingestellt: «Das ganze Leben genügt nicht, um die Wirkung aller auf dieser Erde wachsenden Pflanzen zu bestimmen. Nimm deswegen die bekanntesten und die wirksamsten Pflanzen und lasse die anderen. Ja selbst von den wirksamen Pflanzen solltest du nur jene nehmen, die du selbst auf ihre Wirkung untersucht hast.» Neu sind in seinem Werk die Details über die anscheinend dazumal bereits florierenden Verfälschungsmethoden!

Wiener Codex Islamische Gelehrte

Darstellung aus einem Wiener Codex, welche veranschaulicht, wie hochgeschätzt die Heilpflanze bei den alten Griechen war. Kein geringerer als der Gott Hermes überreicht einem Arzt das Heilkraut, welches dieser an Homer, den großen Dichter, weitergibt.

Islamische Gelehrte haben über eine lange Zeitspanne hinweg auf dem Gebiet der Heilpflanzenkunde Enormes geleistet. Hier eine Seite aus einem persischen Manuskript des 15. Jahrhunderts, das im Topkapi-Museum in Istanbul aufbewahrt wird.

Pedanius Dioskurides - Karl von Linne oder Linnaeus

Zwei der bedeutendsten Figuren in der Geschichte der Heilpflanzenkunde. Links Pedanius Dioskurides, ein griechischer, in Rom tätiger Militärarzt (1. Jahrhundert nach Christus). Seine Schriften beeinflussten ganz entscheidend die Heilpflanzenforschung vieler Jahrhunderte. Rechts Karl von Linne oder Linnaeus (schwedischer Botaniker 1707-1778), der Begründer der modernen Botanik.

Der Strom klösterlicher Medizin und Pharmazie hat gewissermaßen in der christlichen Frömmigkeit der Regula des Benedictus von Nursia (um 480 bis um 550) und der Gründung des Klosters Monte Cassino in Süditalien seine Quelle. Jedenfalls hat die wissenschaftliche Aktivität in diesem Kloster unschätzbare Werke hinterlassen, unter ihnen den Codex Casinensis 97 aus dem neunten Jahrhundert. Er beinhaltet einen illustrierten, griechischen « Herbarius » des sog. Pseudo-Apuleius. Das Werk, im 4. oder 5. Jh. von einem unbekannt gebliebenen Autor in Afrika, hauptsächlich aus Dioskurides und Plinius (23-79 n. Chr.; römischer Flottenkommandant, Kompilator der riesigen «Naturalis historia» ) zusammengestellt, wurde später, fälschlicherweise, dem römischen Schriftsteller Lucius Apuleius (2. Jh. n.Chr.) zugeschrieben.

Weniger spektakulär, jedoch nicht weniger wirksam, war das «Gärtchen», der «Hortulus » des Walahfried Strabo, Schüler und später Abt im Kloster Reichenau. Hier eine Kostprobe in der deutschen Übersetzung:

FENCHEL

Auch die Ehre des Fenchels sei hier nicht verschwiegen; er hebt sich

Kräftig im Spross, und der strecket zur Seite die Arme der Zweige,

Ziemlich süß von Geschmack und süßen Geruches desgleichen.

Nützen soll er den Augen, wenn Schatten sie trübend befallen,

Und sein Same, mit Milch einer Mutterziege getrunken,

Lockre, so sagt man, die Blähung des Magens und fördere lösend

Alsbald den zaudernden Gang der lang verstopften Verdauung.

Ferner vertreibt die Wurzel des Fenchels, vermischt mit dem Weine,

Trank des Lenaeus, und so genossen, den keuchen Husten.

Etwa zur gleichen Zeit - um 820 - wurde für den Abt Gozbert der Sankt Galler Klosterplan, dieses einzigartige Dokument, geschaffen. Der Plan zeigt in einer Fülle von Details Kirche, Klausur, Gäste- und Krankenhäuser, Noviziat, Friedhof, Garten, Werkstätten und Okonomiegebäude. Zwei Gärten sind mit den Namen der Pflanzen in den Beeten eingezeichnet.

Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen (1098-1179) gilt als die erste deutsche Naturforscherin. Sie starb als Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen und hinterließ eine Reihe wertvoller wissenschaftlicher Schriften.

Ein Höhepunkt in der Periode der Klostermedizin ist im Wirken der Hildegard von Bingen (1098-1179) zu sehen. Erstens war sie eine Frau, zweitens eine gelehrte Frau und drittens vermochte sie ihr Wissen in Schriften der Nachwelt zu übermitteln.

Hildegard wurde als zehntes Kind einer vornehmen Familie 1098 in Bermersheim bei Alzey geboren. Mit acht Jahren kam sie als Klausnerin in das Kloster Disibodenberg. Drei Klöster hat die spätere Benediktinerin selber gegründet; vom Kloster

Rupertsberg bei Bingen war sie Äbtissin, wo sie am 17. September 1179 starb. Bereits in jungen Jahren hatte sie Visionen, ihre letzten im 65. Lebensjahr. Uns interessiert hier, dass Hildegard eine Art «Arzneikunde» unter dem Titel «Physica» und eine Art «Krankheitslehre» - als « Causae et airae » bekannt - geschrieben hat: sie ist die erste deutsche «Naturforscherin». Die «Physica» beschreibt 230 Kräuter, 63 Bäume, viele Steine, Fische, Vögel, Reptilien und noch andere Tiere. Trotz vielen Bemühungen sind die Quellen - man ist der Meinung, dass sich jeder Autor in irgendeiner Weise auf Vorgänger stützt - kaum zu eruieren. Hildegard muss ziemlich eigenständig und mit eigenen Beobachtungen vorgegangen sein. Selbstverständlich konnte sie sich den humoral-pathologischcn Anschauungen (vier Elemente, vier Säfte usw.) nicht entziehen. Hören wir, was sie von den vier Elementen sagt: «Auch die Elemente der Welt hat Gott geschaffen, sie sind im Menschen und der Mensch wirkt mit ihnen. Es sind: das Feuer, die Luft, das Wasser und die Erde, und diese vier Elemente sind untereinander so eng verknüpft und verbunden, dass keins vom andern getrennt werden kann, und halten sich gegenseitig so fest, dass sie das Firmament genannt werden.»

Die Qualitätslehre handhabt sie nur als Torso: «Der Wegerich ist warm und trocken», oder «Die wilde Minze ist mehr warm als kalt...», usw.

Machen wir jetzt einen großen Sprung zu Paracelsus (1493-1541), der - im Anschluss an trinitarische Vorbilder - in jedem Naturobjekt, das auch aus den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer konstituiert ist, drei okkulte Qualitäten als wirksam erkannte. Er nannte sie Sal, Mercurius und Sulfur , womit die prototypischcn Prozesse des Auflösens (die sulfurischen), des Verdichtens (der salinischen) und des Sowohl-Als-auch (des merkuriellen) gemeint sind. Mit atavistisch-hellsichtiger Begabung vermochte Paracelsus durch «Wesensbetrachtung» eine Pflanze als Heilpflanze zu erahnen. Ein Teil davon ist als « Signaturenlehre» ( signum = Zeichen, Merkmal) in Verruf geraten.

Plan der gesamten Anlagen des Klosters St. Gallen
Plan der gesamten Anlagen des Klosters St. Gallen

Aus der Zeit um 820 ist ein Plan der gesamten Anlagen des Klosters St. Gallen erhalten, auf welchem zwei Gärten mit den in den Beeten eingetragenen Namen der Pflanzen eingezeichnet sind.
Im Garten oben standen Bäume mit Äpfeln. Birnen, Pflaumen, Vogelbeeren, Mispeln, Lorbeer, Kastanien, Feigen, Quitten, Pfirsichen, Haselnüssen, Mandeln, Maulbeeren und Baumnüssen.
Im Garten unten wuchsen Zwiebeln, Lauch, Sellerie, Koriander, Dill, Mohn, Rettich, Möhren. Mangold, Knoblauch, Schalotten, Pasternak, Petersilie, Kerbel, Lattich, Bohnenkraut, Kohl und Kornrade.

Durch die Erfindung der Buchdruckerkunst wurde Geistesgut praktisch jedermann zugänglich. Zu den meistgedruckten und bestverkauften Verlagsobjekten gehörten die Kräuterbücher. Johannes Philippus de Lignamine, Buchdrucker in Rom, war wohl der erste, der 1483/84 das « Herbarium apuleii Piatonich herausgab, bald gefolgt vom «Herbarius mogguntie impressus» genannten Kräuterbuch, das 1484 die Werkstatt des Mainzer Druckers Petrus Schöffer verließ. Die Autoren dieser Kräuterbücher wurden meist als Kräuterväter bezeichnet. Der älteste dieser «Kräuterväter» ist Otto Brunfels (1489-1534), der von der Theologie herkam. Er ist Verfasser des «Herbarium vivae eicones» , eines lateinischen Kräuterbuches mit naturgetreuen Abbildungen des Holzschneiders Hans Weiditz von Straßburg. Im Jahre 1532 erschien in Straßburg eine überarbeitete deutsche Ausgabe, «Contrafayt Kreuterbuch». Brunfels starb als Stadtarzt von Bern.

Als Brunfels' Nachfolger kann Hieronymus Bock (1498-1554) aus Heiderbach bei Zweibrücken betrachtet werden. Auch er studierte Theologie und Medizin; er war als Pfarrer und Arzt-Botaniker tätig. Sein «New Kreuterbuch» erschien 1539 in Straßburg, ohne Abbildungen! Wohlweislich wurde das Werk von der zweiten Ausgabe an mit über 450 holzgeschnittenen Zeichnungen illustriert. Das Werk wurde wegen den ausgezeichneten Beschreibungen und Angaben über Verbreitung der Pflanzen und deren Heilkräfte sehr geschätzt. Bock versuchte auch - und das war für seine Zeit neu - bestimmte Verwandtschaften (nach Gattungen, Familien usw., wie wir heute sagen würden) herauszuarbeiten.

Der bedeutendste Kräuterbuch-Autor des 16. Jahrhunderts war sicher Leonhart Fuchs (1501-1566), der ab 1526 in Ingolstadt, dann von 1535 an an der neugegründeten Universität von Tübingen als Medizinprofessor lehrte. Sein berühmt gewordenes «Neu Kreüterbuch» - in Großfolioformat 1543 in Basel bei Michael Isingrin als deutsche Ausgabe der ein Jahr früher von Isingrin gedruckten lateinischen «Historia stirpium commentarii» erschienen - zählt über 500 prachtvolle, erstklassige Abbildungen. Sie wurden von Albrecht Meyer gemalt, von Heinrich Füllmaurer auf Holz kopiert und von Veyt Rudolff Speckle geschnitten. Mit der deutschen Bearbeitung kam Fuchs der starken Nachfrage der Laienleser entgegen, aber er war sich bewusst, dass seine Kollegen ihm unerwünschte Popularisierung der Medizin vorwerfen würden. Vorsorglich wehrt er sich gegen diese Bedenken: «Das hab ich für nemlich ie darumb wollen anzeygen/darmit nit die vnuerstendigen m ö chten meynen/das ich derhalben mein Kreüterbuch hette wollen inn die Teütschen spraach bringen/damit auch der gemeyn man kündte jhm selbert in der not artzney geben/vnd allerley kranckheyt heylen. Dan mir wol bewüszt/das vil mehr zu einem rechtschaffnen arzt gehört/dan allein kreüter vnd derselbigen würckung erkennen und wissen.»

In Italien lebte etwa zur selben Zeit Pietro Andrea Mattioli (1500-1577), Leibarzt der Kaiser Ferdinand I und Maximilian II. Er zeichnete sich vor allem durch botanische Studien aus, was besonders in seinem italienischen Kommentar zu Dioskuridcs' Arzneimittellehre (Venedig 1544) zum Ausdruck kommt. Die lateinische Übersetzung (1554) enthält Abbildungen die nach Mattioli's eigenen Angaben, meist nach Hcrbarexemplarcn, geschaffen wurden. Diese Dioskoridcs-Übersetzung, durch die Kommentare stark ergänzt, machte das Werk des großen griechischen Arzt-Botanikers erst weltweit bekannt.

Hieronymus Bock Paracelsus

Hieronymus Bock (1498-1544) war Pfarrer und Arzt-Botaniker. Sein «New Kreuterbuch» enthält 477 Holzschnittdarstellungen.

Paracelsus - er hieß mit seinem richtigen Namen Theo-phrastus Bombastus von Hohenheim - ist wohl eine der schillerndsten Figuren in der Geschichte der Heilkunst. Er war Stadtarzt und Professor in Basel und unterrichtete als erster in deutscher Sprache.

Ebenfalls um die Mitte des 16. Jahrhunderts schuf der niederländische Leibarzt des Kaisers Maximilian II, Rembert Dodoens (ca. 1517—1585), oder Dodonaeus, das trotz sprachlicher Hindernisse weltweit berühmt gewordene « Cruyde-boeck » , erstmals 1554 bei Jan vander Loe in Antwerpen erschienen. Es gehört zu den großen seltenen Kostbarkeiten der Bücherwelt. Dodoens' jüngerer Freund, der nicht weniger berühmte Botaniker Charles de l'Ecluse (Clusius, 1526-1609), fügte jedem Kapitel der späteren Ausgabe des «Cruydeboeck» soviel Material der zeitgenössischen Wissenschaft bei, dass das Werk zu einer Fundgrube von unermeßlichem Wert wurde.

Mit Bartholomaeus Carrichter (vor 1574 gestorben) machen wir auf die «astrologische» Richtung in der Heilpflanzenkunde aufmerksam. Von Carrichter - er war, wie Mattioli, Leibarzt Ferdinands I und Maximilians II - ist wenig mehr bekannt, als dass er eine Diätlehre für Gesunde und Kranke schrieb und dann ein Kräuterbuch mit dem auffallenden Titel «Horn des Heyls menschlicher blödigkeit. Oder/Kreiltterbuch, Darinnen die Kreiitter des Teutschen lands/ausz dem Liecht der Natur/ nach rechter art der himmelischen einfliessungen beschriben... Getruckt zu Straszburg... 1656 » (also posthum). Carrichter sieht -wie auch Giovanni Battista della Porta (1538-1605) und Nicholas Culpeper (1576-1654) - die Heilkraft der Pflanze als Ganzes, aber auch jedes Teiles (Wurzel, Stengel, Blatt, Blüte, Frucht, Samen) - von den kosmischen Kräften des Tierkreises und der Planetenwelt impulsiert. Hier ein Beispiel für den gelben Enzian: Die Wurzel... «ist dem Löwen auch der Sonn zugethon/Aber die wurtz/ist dem Wider vnd dem Löwen auch der Sonn v ñ dem Mars vntergeben/die bitterkeit gibt der Mars von wegen seines Widers. Vnter der polus h õ he/47.48.49 aber vntcr dem 48. grad ist am besten». Und für die Ernte: «Die wurtz soll man auszgraben/wann die Sonn in dem zwölften grad der Jungfraw kompt/dasclb mal ist sie am bestë ».

Auch die englische Literatur kennt berühmt gewordene Kräuterbücher. Die größte Popularität genoss «The Herball or Generali Historie oj Plantes» des John Gerard (1545-1612). Er war zwar nur Barbier-Chirurg, erwarb aber dennoch soviel Heilpflanzen-Kentnisse, dass er, unter Verwendung der Holzschnitte aus dem Kräuterbuch des Jakob Dietrich von Bergzabern (= Tabernaemontanus; ca. 1520-1607) und mit Hilfe anderer, das genannte Kräuterbuch im Jahre 1597 in London erscheinen lassen konnte. Das Interesse an diesem Werk blieb unvermindert, so dass noch 1927 Marcus Wood ward «Gerarde's Herball», eine Auswahl der wichtigsten Kapitel, mit den Abbildungen der Ausgabe von 1633, herausbrachte.

Ein zweiter großer Sprung bringt uns zur heutigen Situation der Heilpflanzenkunde. Diese basiert auf einem Denkprozess, der am Ende des 18. Jahrhunderts mit voller Kraft einsetzte. Wir stellen eine Kehrtwendung der Denkart um 180 Grad fest und sehen uns der quantitativ-mechanistischanalytischen Betrachtungsweise gegenüber. Sie wurde vorbereitet über die Linie Bacon-Descartes-De la Mettrie und selbstverständlich durch viele andere.

Francis Bacon (1561-1626), englischer «Naturwissenschafter» und Staatsmann, forderte eine vorurteilsfreie, auf Studium der Details (Analyse!) basierende Naturwissenschaft, die zur Aufstellung von naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten führen sollte. Diese neue Denkrichtung sollte die vorangehende naturphilosophische (die Bacon als schwärmerisch empfand) ablösen. «Wissen ist Macht» war seine Parole, «man muss die Natur zerschneiden, um sie kennen zu lernen».

Ren é Descartes (1596-1650), französischer Philosoph, bereitete mit seiner «Abhandhing vom Menschen» die radikalste Reduktion des Menschen als Wesen von Leib, Seele und Geist auf eine geist- und seelenlose Maschine bei Julien Offray de la Mettrie (1709-1751) vor. Schließlich gab Jeremias Benjamin Richter (1762-1807) mit seiner Dissertation (Königsberg 1789) «De usu matheseos in chymia...» («Vom Gebrauch der Mathematik in der Chemie») einen guten Stoß in die Richtung, welche damit ihre extremen Grenzen erreicht hatte. 1805 isolierte der deutsche Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1783-1841) aus Opium das «schlafmachende Prinzip», dem er 1817 den Namen Morphium gab.

Titelschrift der «Historie stirpium»

Titelschrift der «Historie stirpium», deutsch «New Kreuterbuch», von Leonhard Fuchs, 1543.
Heilpflanze Frauenmantel

«New Kreuterbuch»

«New Kreuterbuch»

Holzschnittdarstellung der «Pestwurz» aus dem «New Kreuterbuch» des Leonhard Fuchs.

Die Heilpflanze Frauenmantel, wie sie im «Contrafayt Kräuterbuch» des Otto von Brunfels (1498-1534) abgebildet ist. Brunfels gehört zu den großen «Kräutervätern». Die herrlichen, für ihre Zeit ungewöhnlich naturalistischen Darstellungen sind das Werk des Zeichners Hans Weiditz, einem Schüler Albrecht Dürers.

Eine der 477 Illustrationen aus dem «New Kreuterbuch» des Hieronymus Bock, ausgeführt von David Kandel.

Karl Eugen Heilmann sagt dazu in «Kräuterbuch in Bild und Geschichte»: «Es war eine prächtige Ausgabe in Großfolio, wertvoll besonders durch die einmalig schönen Abbildungen, und man kann dieses Werk bedenkenlos als das großartigste Kräuterbuch bezeichnen.»

Damit war der Gedanke des Pflanzen-Wirkstoffes geboren. Von nun an galt eine Pflanze nur dann als Heilpflanze, wenn man in ihr ganz bestimmte, chemisch definierbare und isolierbare Stoffe feststellte, welche für die nachgesagte Heilwirkung verantwortlich gemacht werden konnte. Obwohl dies ein Trugschluss war, lag die konsequente Haltung nahe, dass nur noch diese nachweisbaren Stoffe wichtig, alles andere unwesentlich sei. So wurde alles Wesenhafte der Heilpflanze auf eine chemische Formel, ja sogar auch nur auf eine nackte Zahl reduziert. Man nennt diesen Prozess in der Wissenschaftsgeschichte den Reduktionismus.. Ideal der modernen Heilpflanzenkunde ist es, Wirkstoffe zu isolieren - im besten Fall einen wirkstoffreichen (angereicherten) Extrakt zuzulassen - und diese womöglich zu synthetisieren. Die Pflanze ist als Lebewesen von ebenso fluktuierender Zusammensetzung (stofflich) als es Pflanzenindividuen gibt; ein naturwissenschaftliches Problem, das schwer zu schaffen macht. Zunehmend muss jedoch festgestellt werden, dass isolierte Wirkstoffe, und schon gar deren synthetisierte (sog. «naturidentische») Ersatzstoffe, unerwünschte und schädliche Nebenwirkungen zeigen können.

Demgegenüber möchten wir nun versuchen, ein Bild der Pflanze und der Heil pflanze zu entwerfen, das zukunftsweisend für eine neue, menschengemäße Medizin sein könnte.


      


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