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Heilpflanzen und ihre Kräfte

Ein Ratgeber für Fragen der Gesundheitsmedizin auf natürlicher Basis

Arzneien, die Hände der Götter - Die Renaissance der Phytotherapie

(Fortsetzung)

Im Gegensatz zu dieser mehr materialistischen wissenschaftlichen Auffassung der Antike trat die christliche Vorstellung, dass Gott für jede Krankheit ein Heilmittel in dieser von ihm geschaffenen Welt zur Verfügung der leidenden Menschheit gestellt habe. Im christlichen Raum wurde die Gegensätzlichkeit des Begriffes «Pharmakon» als Gift und Heilmittel aufgehoben. Denn dem neuen christlichen Gott wollte man nicht zutrauen, in den Pflanzen Giftstoffe geschaffen zu haben, die zur Schädigung seiner Geschöpfe fuhren konnten. Ambrosius betonte in diesem Zusammenhang:

«Es liegt in den Giftpflanzen nicht bloß kein Grund zum Tadel des Schöpfers vor, sondern vielmehr ein Anlass zu erhöhtem Dank, da das Erzeugnis, in welchem du nur Gefahr vermutest, ein wirksames Heilmittel für deine Gesundheit ist.»

Daraus resultierte freilich die Aufforderung an die Fachleute, sich ihrer Verantwortung besonders bewusst zu sein. Ambrosius forderte sie auf, und ich glaube, dieses Postulat besteht auch heute noch mit vollem Recht:

«Dem Gefährlichen  lässt sich durch Vorsicht aus dem Wege gehen, des Heilsamen geht man bei Achtsamkeit nicht verlustig.»

Während manche Pflanzen die Krankheiten jener Körperteile heilten, mit denen sie eine gewisse Ähnlichkeit aufwiesen, sollten andere die Bisse und Stiche von Tieren heilen, die ihren Blättern oder Stielen ähnelten. So sollte nach der Anschauung von Giambattista della Porta (1538-1615) der Biss eines Skorpions durch Heliotrop, Kümmel oder Scorpiurus, eine Leguminosenart, neutralisiert werden

Damit war aber gleichzeitig der Weg frei für die sogenannte Signaturenlehre, die von der Voraussetzung ausging, Gott selbst habe in die Heilpflanzen ein geheimes Zeichen gesetzt, das nur der Kundige erkennen und deuten könne. Aus Form und Farbe einer Pflanze sollte demnach auf ihre pharmakologischen Wirkungen geschlossen werden können. So wurde die Walnuss wegen ihrer der Hirngyri ähnelnden Oberfläche als Heilmittel gegen Kopfschmerzen gepriesen. Die gelbe Farbe des Sattes von Chelidonium sprach für eine Verwendung dieser Pflanze als Galle- oder Lebermittel. Schachtelhalm sollte wegen der Ähnlichkeit der Stengel mit der menschlichen Trachea als ein hustenstillendes Mittel und als eine wertvolle Droge gegen die Schwindsucht eingesetzt werden. Und Paracelsus war der Auffassung:

«Gott hat seine Macht in Kräutern gegeben, in Stein gelegt, in die Samen verborgen, in denselbigen sollen wir nehmen und suchen.»

Ja, Paracelsus ging noch weiter und war der Ansicht, dass Gott in jedem Land gegen die dort vorkommenden Krankheiten wirkungsvolle Heilpflanzen geschaffen hätte und dass es deshalb nicht nötig sei, aus exotischen Ländern sehr teure Pharmaka gegen in Europa endemische Erkrankungen einzuführen. Er warnte die Ärzte:

«Sie sehen hundert Meil ein Kraut und das vor den Füßen nit.»

Paracelsus (1493-1541) warnte die Ärzte vor der Einfuhr teurer Pharmaka aus exotischen Ländern zur Behandlung der in Europa heimischen Erkrankungen: «Sie sehen hundert Meil ein Kraut und das vor den Füßen nit.»

Diese christliche Auffassung von der Vorsorge Gottes für die kranke Menschheit führte im übrigen dazu, dass die Weigerung eines Kranken, einen Arzt zu Rate zu ziehen und die von ihm verordneten Heilmittel einzunehmen, als eine Sünde bezeichnet wurde, denn sonst würde ja nach Ambrosius ein Geschenk des Schöpfers missachtet, ja eine solche Weigerung war nach Florentinus sogar dem Selbstmord gleichgestellt.

Die Zerstörung des römischen Weltreiches und die Völkerwanderungszeit haben die medizinische Tradition nicht unterbrochen, nur waren es nunmehr die Klöster, die das antike Wissen um die Phytotherapie bewahrten und weitertrugen. In diesem Zusammenhang ist vor allem die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) zu erwähnen, die in ihren medizinischen Werken auch den Pflanzen des germanischen Kulturraums eine breite Beschreibung einräumte und zw-schen 1151 und 1168 auch schon deutsche Namen der einzelnen Drogen verwendete. Vorher hatte die karo-lingischc Hofgüterverordnung, das «Capitulare de villis», das Ende des 8. Jahrhunderts wohl vor allem für die südfranzösischen königlichen Güter erlassen worden war, einen wesentlichen Einfluß auf die Errichtung von Kräutergärten, wie dies erstmals ein allerdings nicht ausgeführter Plan des Klosters von St. Gallen aus dem Jahre 820 ausweist. dass aber neben zahlreichen mediterranen Pflanzen, wie Koloquinten, Rosmarin und Meerzwiebeln, auch Frauenminze, Salbei, Raute, Eberraute, Feldkümmel, Brunnenkresse, Petersilie, Sellerie und andere mitteleuropäische Pflanzen erwähnt wurden,  lässt darauf schließen, dass die kaiserlichen Anordnungen je nach klimatischer Situation variiert werden sollten. In der Folge erschienen nun eine ganze Anzahl von Beschreibungen derartiger Kräutergärten. Das vielleicht großartigste Lehrgedicht stammt von dem St.-Gallcr Mönch Walahfried Strabo aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, das er auf der Insel Reichenau verfaßte. Dieser in lateinischen Hexametern geschriebene «Hortulus» bringt auch manche Hinweise auf die medizinische Verwendung der damaligen Drogen. So berichtet Walahtried z. B. über den Salbei:

«Leuchtend blühet Salbei ganz vorn am Eingang des Gartens, süß von Geruch, voll wirkender Kräfte und heilsam zu trinken, manche Gebresten der Menschen zu heilen, erwies sie sich nützlich. Ewig im Grüne der Jugend zu stehen, hat sie dadurch verdient.»

All diese Lehrgedichte münden schließlich in den bedeutsamen «Gart der Gesundheit» von 1485, der zuerst in Mainz im Buchdruck publiziert und in zahlreichen deutschen und lateinischen Ausgaben als «Hortus sanitatis» zum Gemeingut der medizinischen Welt der beginnenden Neuzeit wurde. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen die darauffolgenden großen Kräuter-Bücher von Leonhard Fuchs (1500-1566) bis Adam Lonitzer (1528-1586) zu würdigen. Eine der reichhaltigsten Sammlungen dieser Literaturgattung dürfte sich heute in der Universität Düsseldorf als «Dr. Vestersche Bibliothek zur Geschichte der Pharmazie» befinden. Zum Teil sind diesen sowohl für den Laien wie für den Arzt geschriebenen Werken hervorragende Holzschnitte der besprochenen Pflanzen beigegeben, wobei in der Regel stets noch die Galenischen Qualitäten und ihre Grade angegeben wurden. Mehr und mehr tritt in diesen Werken anstelle der üppig wuchernden antiken Spekulation das exakte Wissen um die verschiedenen Arten und Varietäten und die medizinischen Indikationen in den Vordergrund. An dieser Stelle sei nur erwähnt, dass im Kräuterbuch von Leonhard Fuchs «De Historia Stirpium Commentarii», Basel 1542, die Digitalispflanze zum ersten Mal in den beiden Varietäten Digitalis purpurea und lutea einwandfrei abgebildet und benannt wurde. Zwar wurde Digitalis noch jahrhundertelang nur als Zusatz zu Wundsalben verwendet, aber erst ihre einwandfreie Beschreibung ermöglichte es 200 Jahre später William Withering (1741 bis 1799), diese Pflanze als wirkungsvolles Diuretikum zu entdecken. So wurde sie 1783 in die Edinburgher Pharmakopoe eingeführt, und 1785 berichtete Withering in seiner klassischen Monographie über diese merkwürdigen Effekte. Die eigentliche Wirkung auf den Herzmuskel blieb ihm noch unbekannt. Erst spätere pharmakologische Untersuchungen ließen erkennen, dass es sich bei der entwässernden Wirkung um einen indirekten Effekt des die Muskelkraft des Herzens stärkenden Arzneimittels handelte. Es ist vielleicht bezeichnend, dass trotz der Isolierung des wichtigsten Wirkstoffes, des Digitoxins, im Jahre 1875 und weiterer wirksamer Alkaloide durch Johann Ernst Oswald Schmiedeberg (1838-1921) bis zum heutigen Tag noch keine volle Klarheit über die Wirkungsweise der Gesamtdroge auf den Herzmuskel besteht und auch über die pharmakologischen Wirkungen der Einzelkomponenten unterschiedliche Meinungen vertreten werden.

Von der Barockzeit an begann man, die Wirkungen der Pflanzen zu differenzieren. Man versuchte, die chemische Zusammensetzung der Wirkstoffe zu erkennen, doch führten die ersten Experimente, mit Hilfe der Verbrennung das anorganische Material zu unterscheiden, zu keinen größeren Erfolgen, weil ja durch dieses Verfahren die organischen Substanzen zerstört wurden. Dies erkannte als einer der ersten der Pariser Apotheker Nicolas Lemery (1645-1715), dessen «Dictionnaire ou traité universel des drogucs simples» in vielen Auflagen auch in deutscher Sprache erschienen ist. Erst mit dem Aufkommen der sogenannten organischen Chemie gelang es, bestimmte Wirkstoffe rein darzustellen. Am Anfang dieser Entwicklung stand die Isolierung des pharmakologisch wichtigsten Bestandteils des Opiums. 1805 konnte der deutsche Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1783-1841) im Opium die sogenannte «Mekonsäure», vom griechischen Namen mekonion abgeleitet, isolieren, die wegen ihrer starken schlaferzeugenden Wirkung 1817 von ihm Morphium genannt wurde. Ein Jahr später, 1818, benannte Karl Friedrich Wilhelm Meissner (1792 bis 1855) diese aus Pflanzen gewonnenen Reinsubstanzen als «Alkaloide». 1819 gelang bereits die Isolierung des Strychnins, 1820 die des Chinins durch Pierre Joseph Pelletier (1788-1847) und Joseph Bienaimé Caventou (1795-1877). Die Entdeckung weiterer Alkaloide folgte Schlag auf Schlag, und bis zum heutigen Tage ist es das Anliegen der pharmazeutischen Chemie, möglichst viele exakt definierbare Wirkstoffe aus den zahllosen Pflanzenextrakten aus aller Welt zu gewinnen. Nur der Fachmann kennt sich noch in der Vielzahl von Bezeichnungen und Zuschreibungen aus, zumal ein Großteil der gewonnenen isolierten oder synthetisierten Präparate keinen Eingang in die Medizin gefunden hat, weil sie keine wesentliche pharmakologische Bedeutung haben. Dennoch ist unbestritten, dass mit der Isolierung von Alkaloiden aus Pflanzenextrakten eine neue Ära der Pharmakotherapie begann. Nunmehr war die Hoffnung vorherrschend, unabhängig von den Zufällen des Ernteergebnisses und den Zufuhren zu sein und mit Vorteil auf die exakt dosierbaren und stets zur Verfügung stehenden isolierten Substanzen zurückgreifen zu können.

Die Medizin benützt die chemischen Waffen von Mikroorganismen, um mit ihrer Hilfe andere Mikroorganismen zu bekämpfen, die für den Menschen pathogen sind. Zu diesem Zweck versucht die Pharmachemie möglichst viele exakt definierbare Wirkstoffe aus den zahllosen Pflanzenextrakten aus aller Welt zu gewinnen. Die Abbildungen zeigen vier bedeutende Wirkstoff-Lieferanten, v.I.n.r.: Ein Fermentpilz, Lieferant für Antibiotika; die Yamswurzel liefert Steroide, der Chinarindenbaum Alkaloide und der Fingerhut Glykoside.

SCHIMMELPILZ
Aspergillus herbariorum
YAMSWURZEL
Dioscorea villosa
CHINARINDENBAUM
Cinchona succirubra
FINGERHUT
Digitalis purpurea

Die moderne pharmazeutische Industrie verdankt ihre Existenz zum Teil der Bemühung ihrer Begründer, oft Pharmazeuten, diese Reinsubstanzen nunmehr auch industriell im großen zu produzieren. So begann der Oppenheimer Apotheker Friedrich Ludwig Koch (gest. 1865), Chinin ab 1822 in ganz Deutschland anzubieten, 1827 produzierte der Berliner Apotheker Johann Daniel Riedel (1786-1843) ebenfalls die Substanz und begründete damit eine heute noch bestehende Firma. Ein Jahr zuvor hatte der Darmstädter Apotheker Heinrich Emanuel Merck (1794-1855) in der seit 1668 im Familienbesitz befindlichen Engel-Apotheke die Produktion von Morphium aufgenommen, der im Jahre 1831 die Großfabrikation von Veratrin, Strychnin, Koffein, Emetin, Kodein und Santonin folgte. 1855 entwickelte sich aus der «Grünen Apotheke» in Berlin ein pharmazeutisches Laboratorium unter dem Apotheker Ernst Schering (1824—1899), und bald wurden dort nicht nur Alkaloide, sondern auch andere für die menschliche Gesundheit wichtige Heil- oder Vorbeugungsmittel produziert. Anstelle der seit dem Mittelalter bekannten Polypragmasie war mit der Einführung dieser neuen wirkungsvollen Alkaloide eine gezielte Pharmakotherapie getreten. Aber es war immer noch nicht gelungen, den Wunschtraum der Menschheit, die Panazee, zu verwirklichen, und selbst das von Paul Ehrlich (1854—1915) herbeigesehnte Universalmedikament, das alle Infektionserreger abtöten würde, ist trotz großer Erfolge auf dem Gebiet der Chemotherapie und der Antibiotika bis auf den heutigen Tag nicht entdeckt worden.

Bald jedoch erkannte man, dass der Einsatz eines einzigen Medikaments oft nicht ausreichte und man zum Breit- und Buntbeschuss mehrere Arzneimittel kombinieren musste. Wesentlich für die moderne Entwicklung wurde daher das 1909 vom Berner Pharmakologen Emil Bürgi (1872-1947) aufgestellte Gesetz von der Additiv- und Potenzwirkung von Arzneimitteln, das zwar inzwischen in manchen Punkten relativiert werden musste, aber dennoch generelle Geltung haben dürfte. Es lautet:

«Zwei oder mehr Arzneien, die den gleichen Endeffekt auslösen, addieren sich in ihren Wirkungen, wenn sie dieselben, und potenzieren sich, wenn sie verschiedene pharmakologische Angriffspunkte haben.»

Mit dieser Feststellung wurden indes wieder Auflassungen bestätigt, die schon seit langem vertreten worden waren, dass nämlich eine Therapie mit Ganzdrogen in manchen Fällen erfolgreicher sei als die Verwendung der isolierten Wirkstoffe allein. So konnte man in der Tat von einer Art Renaissance der Phytotherapie sprechen, zumal sich in der Folge anerkannte Unternehmen der pharmazeutischen Industrie dieser Sparte annahmen. Sie entwickelten sich entweder, wie die deutschen Firmen Madaus und Schwabe, von der Homöopathie her, wo sie sehr subtile Herstellungsvorschriften für die Dilutionen und Potenzen der phytotherapeutischen Drogen und ihrer Urtinkturen befolgen mussten, wie dies Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) 1810 in seinem «Organon der rationellen Heilkunde» festgelegt und in den folgenden Jahrzehnten weiterentwickelt hatte. Neue Impulse für die moderne Phytotherapie kamen indes auch von der Weleda, die auf der Basis der 1913 von Rudolf Steiner (1861-1925) ins Leben gerufenen anthroposophischen Gesellschaft Präparate mit Gesamtdrogen oder entsprechende Auszüge in den Handel brachte. Freilich, die Argumentation dieser Schulen konnte bis zum heutigen Tag von der Schulmedizin und insbesondere von der modernen Pharmakologie nicht akzeptiert werden. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sich in manchen Hochschulinstituten Wissenschaftler mit hoher Qualifikation wieder mit den Wirkungen der Gesamtdrogen auf den Organismus des Menschen beschäftigen, so ζ. B. Professor Hans Denglcr (geb. 1925) in Bonn, der auf einem Symposium mit dem Generalthema «Das Erbe der Klostermedizin» im Jahre 1977 über die Möglichkeiten, die Erfolge der modernen Phytotherapie zu objektivieren, berichtete.

An zwei Beispielen seien die Möglichkeiten, die auf diesem Gebiet für die moderne Phytotherapie bestehen, angedeutet.

Seit Jahrtausenden war im Mittelmeerbereich der Johannisbrotbaum, Ceratotiia siliqua, bekannt, eine Caesalpinacee aus der Familie der Leguminosen. Der große, mit immergrünen lederartigen gefiederten Blättern besetzte Baum, der im Mittelmeerraum als Schattenspender sehr geschätzt ist, bringt merkwürdige, bis zu 25 cm lange, zuerst grüne, dann während der Reifung bräunlich-violett werdende Hülsen hervor, die man fälschlicherweise als Schoten bezeichnet. In ihnen ist eine Anzahl brauner, sehr harter Kerne enthalten. Schon der jüdische Philosoph Jesus Sirach beschrieb im 2. Jahrhundert v. Chr. bei einer Darstellung des Botanischen Gartens von Nebukadnezar den Johannisbrotbaum und bezeichnete ihn als Charuba. Es war übrigens derselbe Autor, aus dessen apokryphen Schriften im Mittelalter gern das Wort zitiert wurde:

«Der Herr  lässt die Kräuter aus der Erde wachsen, und ein Vernünftiger verachtet sie nicht.»

Auf diese semitische Bezeichnung geht die heutige französische und spanische Benennung als Caroube und Algarroba zurück. Die Griechen hingegen bezeichnen das Gewächs nach der Form seiner Früchte als Keration, und besonders interessant ist, dass die Johannisbrotschoten offensichtlich die Nahrung waren, die der verlorene Sohn als Schweinehüter zu sich nahm. Noch heute werden die Früchte gern als Schweinehütter verwertet. Martin Luther (1483-1546) hat allerdings in seiner Übersetzung der Geschichte vom Verlorenen Sohn in Lukas 15,16 von «Trebern» gesprochen, die die Säue aßen, weil in Deutschland die Johannisbrotschote außerordentlich selten und nur als Heilmittel in Apotheken zu erhalten war. Das ist wohl der Grund dafür, dass er ein anderes, bei uns bekanntes Futtermittel dafür einsetzte. Sicher ist außerdem, dass das heute noch für Edelmetalle und Edelsteine benutzte Gewichtsmaß Karat auf die Johannisbrotkerne des Keration zurückgeht, weil die harten, kaum Wasser enthaltenden Samen sich, da sie kein Gewicht verlieren, ausgezeichnet zum Auswägen kleinster Gewichtsmengen eignen. In allen Kräuterbüchern der Zeit erschien das Johannisbrot als ein bei verschiedenen Erkrankungen indiziertes Heilmittel. Doch erst während der Belagerung von Madrid im Spanischen Bürgerkrieg wurde seine ausgezeichnete antidiarrhoische Wirkung entdeckt. Die meist als Viehfutter verwendeten Früchte gewannen nun als ein erstklassiges Heilmittel in der Kinderheilkunde Bedeutung, so dass 1945 die Firma Nestle ein mit einem geringen Kakaozusatz versehenes Präparat unter dem Namen «Arobon» dem Handel übergeben konnte und auch die quellfähigen Samen als kalorienloses ideales Emdickungspulver bei habituellen und spastischen Speiern im Kindesalter als «Nestargel» verwendet wurde.

Eine ebenfalls bereits seit der Antike bekannte Heilpflanze, die Mariendistel, Silybum marianum, die schon seit langem in der Homöopathie als Carduus marianus vor allem bei Leberschwellungen und -Stauungen verwendet wurde, hat erst in unserer Zeit erneut auch in der Schulmedizin Aufmerksamkeit gefunden. Die erste Abbildung dieser Heilpflanze findet sich in dem schon erwähnten berühmten Dioskorides-Manuskript der Wiener Nationalbibliothek, und bereits Plinius gab den Hinweis, dass der weiße Saft aus dieser Pflanze, zu Gummi eingedickt und mit Honig versetzt, vorzüglich die Galle abführen würde. Auch im «Hortus sanitatis» von 1485 taucht eine relativ realistische Abbildung auf, und in den zahlreichen Kräuterbüchern der folgenden Jahrhunderte stößt man immer wieder auf die Mariendistel als wertvolles Pharmakon, so im Kräuterbuch von Pietro Andrea Mattioli (1500-1577), posthum Frankfurt 1590, das von dem Frankfurter Stadtarzt Joachim Camerarius (1534—1598) ergänzt und bearbeitet worden war, und in dem «New Kreuterbuch» des Hieronymus Bock (1498-1554), Straßburg 1595. Immer wieder ist davon die Rede, dass diese Pflanze bei «verstopfter Leber» und «entzündeter Leber» gut zu brauchen sei. Aber erst 1968 konnten drei süddeutsche Forscher die heute als «Silymarin» bezeichnete Hauptwirksubstanz identifizieren und aufgrund des chromatographischen Verhaltens sowie der Farbreaktion im UV- und IR-Spektrum und der Kristallisation bestimmen. In Tierversuchen stellte sich dann eine Leberschutzwirkung heraus, die freilich bisher nicht von allen Forschern nachgewiesen werden konnte.

Jedoch ergaben wichtige Forschungsarbeiten einen neuen Hinweis auf die Möglichkeiten, die eine Phytotherapie auch heute noch bietet. Es sei in diesem Zusammenhang nur an die zahllosen exotischen Pflanzen gedacht, die in der Volksmedizin häufig Verwendung fanden und die bezüglich ihrer Wirkungsweise auf den menschlichen Organismus wissenschaftlich bisher überhaupt noch nicht untersucht worden sind. Hier eröffnet sich ein großes und bedeutsames Wirkungsfeld für die moderne pharmazeutische und pharmakologische Forschung.


      


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